April 26 — Wind, Erschöpfung und Little Bear

Der Morgen war ziemlich übel. Der Sturm hat mich die meiste Nacht wach gehalten — irgendwann bin ich dann doch eingeschlafen, nur um von einer besonders starken Böe geweckt zu werden, die das Zelt so stark eingedrückt hat, dass ich aufgewacht bin. Insgesamt etwa eine Stunde Schlaf. Aufgestanden.

Anderen hat es schlimmer erwischt. Einem Hiker hat es die Hälfte seiner Ausrüstung aus dem Zelt geblasen und er musste sie einige Meter weiter einsammeln.

Frühstück gemacht — Haferflocken mit gehackten Datteln. Noch immer gut, jedes Mal aufs Neue. Auch mit den süssen Haferflocken, die ich beim letzten Einkauf erwischt hatte. Das Wetter war immer noch schlecht, und während ich gegessen habe, sassen die anderen auch da und erzählten von ihrer Nacht. Bei den meisten war sie ähnlich mies wie bei mir. Ein paar Hiker hatten gute Stellen zum Schlafen gefunden. Eine Gruppe Frauen hatte einen Schuppen entdeckt und dort übernachtet.

Während ich frühstückte, wurde der Wind wieder stärker. Da ich mir Sorgen gemacht habe, dass das Zelt Schaden nimmt, habe ich begonnen es abzubauen — die Herausforderung war, es dabei nicht wegwehen zu lassen. Bin nicht sofort losgegangen, habe noch etwas geredet. Irgendwann dann doch in Regenmontur weitergelaufen.

Dabei bin ich einem interessanten Mann begegnet. Er konnte nicht verstehen, warum Leute rausgehen, wenn sie es zu Hause angenehm haben. Ich habe darauf hingewiesen, dass er ja auch draussen ist. Er meinte, er versuche das herauszufinden. Diese Antwort hat mir gefallen. Er war einverstanden, dass gerade einfach zu viele Leute auf dem Trail sind — was den ganzen Tag ein Thema war. Ständig Leute eingeholt, überholt, Leute dicht hinter mir. Morgens und abends Gesellschaft im Camp ist in Ordnung. Permanent jemanden im Nacken beim Laufen ist es nicht.

Nach etwa einer Stunde habe ich die Regenkleidung ausgezogen. Trotzdem mehr angezogen als sonst — den ganzen Tag bewölkt, zum ersten Mal in langen Hosen gewandert, später auch den Pullover wieder angezogen.

Bei etwa 9 Meilen hat mich der Schlafmangel richtig eingeholt. Auf einmal totale Erschöpfung — geistig, nicht körperlich. Ich wollte mich einfach irgendwo hinlegen und schlafen. War nicht möglich. Und ich hatte ausnahmsweise ein konkretes Tagesziel: Little Bear. Bin weitergelaufen. Im Nachhinein kein Bedauern, aber es war ein harter Abschnitt. Der Wind hat nicht geholfen. Oft musste ich stark dagegen drücken. Einmal liess er plötzlich nach und ich wäre fast den Hang hinuntergestolpert. Ein anderes Mal hat mich eine Böe fast gegen einen Kaktus geweht.

Irgendwann habe ich einen Mann getroffen, dessen Partnerin den PCT läuft. Er selbst hat keine Lust darauf, unterstützt sie aber — fährt zwischen den Resupply-Stationen hin und her, wartet mit dem Auto, übernimmt die Logistik. Er hatte Wasserkanister hinten im Auto und hat mir welches angeboten. Hatte ich gerade nicht nötig, aber es war ein kurzes, gutes Gespräch. Er hatte die Ladefläche seines Pickups zu einem geschlossenen Schlafraum umgebaut. Das fand ich wirklich gut gemacht. Amerikanische Autos sind eine andere Grössenordnung als in Europa.

Weiter vorne bin ich an einem Ort vorbeigekommen, der noch Trail Magic anbot. Klang gut — angeblich zwei grosse Zelte mit Matratzen, unbegrenzte Snacks, Bier, Getränke, alles gratis. Ich war zu müde für einen Zwei-Meilen-Umweg. Habe es mir von anderen erzählen lassen. Kein Bedauern, nur eine Notiz.

Auf dem Weg zu Little Bear habe ich riesige Hundeabdrücke auf dem Trail gefunden. Fotografiert. Meine Schuhe haben Grösse 48 — diese Abdrücke waren deutlich grösser. Den Hund habe ich nicht gesehen und mich kurz ernsthaft gefragt, was das für ein Tier ist. Später von anderen Hikern erfahren: Es waren mehrere Hunde, sie hatten mehrere Gruppen angefahren und sich sehr aggressiv verhalten. Ein Hiker wurde mehrmals leicht angeschnappt — nicht ernsthaft verletzt, aber einige waren mitgenommen.

Fast alle von Mike’s Place der Nacht zuvor habe ich in Little Bear wiedergesehen. Little Bear ist der Mann, dem die Hütte gehört und der das alles macht — kein Hostel, einfach sein Zuhause. Er ist selbst den PCT gelaufen. Er hat Hot Dogs für $3 verkauft — davon habe ich einige gegessen. Im Schuppen geschlafen. Andere in seinem Haus, andere im Zelt. Wir haben geredet, jemand hat Musik laufen lassen. Es war wirklich ein cooler Abend.

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